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Im Themenbereich unseres Kursmagazins portraitieren wir Menschen, die unsere Arbeit bereichern.  

Geschichten, Gwunder und Staunen

Martin Bucher (66), seit 7 Jahren Wanderleiter bei Pro Senectute, hat ein besonderes Augenmerk für Geschichten und Sagen aus der Umgebung.

Lachender Senioren Wanderleiter im vor einer Mooswand

«Ich erzähle diese Geschichten nur draussen. Ich brauche Kulisse.»

Herr Bucher, Sie sind schon lange als Wanderleiter tätig. Wie kamen Sie auf die Idee, daneben noch Sagenwanderungen anzubieten?
Es gibt viele Wanderangebote, auch in Obwalden. Da dachte ich, ich mache mal etwas anderes. Geschichten interessieren mich seit eh und je, die habe ich schon immer gesammelt. So begann ich, Sagen zu erzählen.

Sind Sie mit der Begeisterung für Märchen und Sagen aufgewachsen?
Die klassischen Märchen mochte ich nie. Aber ich mochte Geschichten, die direkt mit meiner Umgebung zu tun hatten. Mein Grossvater war Förster in Lungern, und ich war oft mit ihm draussen unterwegs. Er erzählte mir dann, wo der Fuchs zu Hause ist, wo und wie die Zwerge leben – nämlich in diesen dunklen Höhlen in Baumstrünken. Er erklärte mir den Zwergenhaushalt: Wie ihre Küche aussieht, wo der Kamin herausführt und warum man jetzt gerade keinen Rauch sieht. So wuchs ich auf.

Gibt es in Obwalden einen grossen Sagen- und Geschichten-Schatz?
Früher, vor allem auf den Alpen, erzählte man sich viele Sagen und Geschichten, weil man noch keinen Radio, keinen Fernseher hatte. Es gibt also viele, aber auch viele, die für mich nicht brauchbar sind. Weil etwas Schlimmes passiert oder etwas nicht gelingt, weil man sich dabei zum Beispiel nicht dreimal bekreuzigt hat.

Also auch viele christliche Geschichten?
Oh ja, viele zutiefst katholische, mit Teufel und allem Drum und Dran. Solche Geschichten dienten ja früher auch der religiösen Erziehung. Darum recken viele von ihnen den moralischen Mahnfinger: «Wenn du dieses oder jenes nicht machst, kommt der Gehörnte und tut dies und das.» Oder es gibt ein anderes schlimmes Ende. Aber ich kann ja die Leute nicht mit auf eine Wanderung nehmen und ihnen lauter Geschichten erzählen, wo alle umkommen, jemand gefressen wird oder was weiss ich. Wenn ich darum die Sage der Jungfrau vom Giswilerstock erzähle, wird sie in meiner Version erlöst.

Sie ändern Geschichten ab?
Angenommen, Sie kommen für eine Sagenwanderung zu mir, vielleicht sogar im Rahmen eines Teamausflugs, und Sie hatten vorher vielleicht Stress bei der Arbeit oder Spannungen untereinander. Da kann ich doch nicht lauter schlimme Geschichten erzählen. Bei mir haben sie darum meist ein Happy End. Ausser die Hexe, die wird verbrannt.

Sie gehen also kreativ mit traditionellen Sagen um?
Genau. Darum kann man vielleicht auch nicht sagen, dass es sich um echte, originale Sagen handelt. Aber es sind Geschichten. Ich gebe ihnen einen persönlichen Touch, so dass sie auch glaubwürdig sind. Wenn das Genovevi sstott-ott-ottert, stott-ottere ich auch.

Welche Bedeutung haben Sagen und Geschichten für Sie?
Für mich ist das eine Form von Unterhaltung, anstelle von Fernsehen oder Kino. Aber es ist live, und man ist dabei gemeinsam in der Natur und bewegt sich. Es ist ein Outdoor-Erlebnis der anderen Art.

Was macht Sie selbst gwundrig?
Mich macht eigentlich alles neugierig, ich mag neue Inputs. Psychologie interessiert mich besonders: Wie der Mensch denkt, wie er funktioniert, warum er Dinge tut, wie er sie tut. Ich arbeitete lange Jahre in der Gastronomie, da hat man ja ständig mit Gästen zu tun. Danach war ich elf Jahre im Care Team Zentralschweiz und Obwalden. Dort gab es viele Kurse und Weiterbildungen in Notfallpsychologie, die sehr interessant waren. Der Mitmensch stand für mich schon immer im Zentrum. Darum bin ich jetzt auch bei Pro Senectute und begleite zum Beispiel Demenzspaziergänge.

Wie sieht ihr Engagement bei Pro Senectute aus?
2015 begann ich, Kurzwanderungen zu führen, 2019 kamen die grossen Wanderungen dazu, 2021 die Demenzspaziergänge. Bei all diesen Angeboten geht es um den Austausch und das Zusammensein, auch wenn die Plattform die körperliche Aktivität ist. Pro Senectute ist für mich ein Netzwerk für das Zwischenmenschliche, das für viele nutzbar ist für geringes Geld, und es gibt so viele Möglichkeiten. Das ist das Tolle daran.

Sie sagen, Sie gehen fast jeden Tag in die Natur. Hat diese für Sie auch selbst eine mystische Kraft?
Es gibt schon besondere Orte, auch in Obwalden, wo ich mich ertappe, wie ich denke: «Hier gibt es sicher Zwerge.» Dort ist es oft stark bemoost, und da stehen kleinere und grössere «Grotzli». In so einer Stimmung entsteht ein Gefühl in mir: «Da ist sicher noch jemand da.»

Haben Sie selbst schon mal einen gesehen?
Nein (lacht). Aber manchmal, wenn ich mit den Kindern meiner Nichte in den Wald gehe, fragen sie immer: «Wo sind jetzt die Zwerge?» Da beginne ich selbst wieder, anders zu schauen.

«Es gibt schon besondere Orte, wo ich mir sage: Hier ist sicher noch jemand da.»

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