Usem Läbä
Analog zum Kursmagazin lesen Sie hier die Geschichten aus dem Leben (usem Läbä) von unterschiedlichsten Menschen.
Rosemary Kirchenbauer (90) schöpft Kraft auf ausgedehnten Spaziergängen in der Natur.
«Im Kernwald fühle ich mich aufgehoben wie in einer kleinen eigenen Welt.»
Rosemary Kirchenbauer (90) schöpft Kraft auf ausgedehnten Spaziergängen in der Natur und bei Passfahrten auf den Grimsel. Im Kernwald trifft sie regelmässig ihren "stillen Freund", der einfach zuhört.
«Ich bin nicht sehr gläubig, aber die Natur sagt mir: Es gibt etwas, das grösser ist als wir.»
«Wenn ich heute in die Berge hinauffahre – am liebsten auf den Grimsel – dann spüre ich Dankbarkeit. Dort oben, wenn ich am See sitze und die majestätischen Berge und die kleinen Blumen sehe, werde ich ruhig. Ich bin nicht sehr gläubig, aber die Natur sagt mir: Es gibt etwas, das grösser ist als wir. Und ich denke oft, wie schön unser kleines Land ist und wie selbstverständlich vieles für uns Menschen geworden ist. Dann erinnere ich mich an meine Kindheit: Wir hatten wenig, aber wir lernten, daraus etwas zu machen.
Aufgewachsen bin ich im Kanton Luzern mit zwei älteren und zwei jüngeren Geschwistern. Meine Eltern hatten ein Baugeschäft. Wir alle mussten mithelfen – auf dem Bau, im riesigen Garten, im Haushalt. Oft assen die Arbeiter bei uns, und wenn irgendwo ein Kind arm war, schickte man es zu meiner Mutter. So hatten wir manchmal bis zu zwölf Kinder am Tisch.
Meine Mutter war für mich der wichtigste Mensch in meinem Leben. Von ihr habe ich die Fähigkeit, Schwierigkeiten nicht auszuweichen, sondern anzupacken. Als ich nach Amerika auswanderte, sagte sie mir: «Du kannst alles verlieren, nur deinen Humor nicht. Und du musst immer genug Geld haben, um im Notfall zurückzukommen.»
1954 reiste ich zuerst nach England, um die Sprache zu lernen und um zu arbeiten. Vier Jahre später wagte ich den Schritt über den Atlantik. Als ich in Kanada ankam – in Toronto – war es ein Schock. Es regnete in Strömen, und ich verstand das nordamerikanische Englisch kaum. Schon bald hatte ich Gelegenheit, die Hotelfachschule zu besuchen. Ich fand Arbeit im Hotel Sheraton in Hamilton. Das Geld für die Abendschule musste ich sieben Tage in der Woche abarbeiten. Nach einiger Zeit in Kanada gelang es mir, in die USA einzureisen – mit all den Papieren, Bewilligungen, Bürgschaften und Prüfungen, die damals notwendig waren. Ich kam über Freunde nach Connecticut und bekam eine Stelle in einem Hotel. Aber auch da war es hart. Doch Schritt für Schritt fand ich meinen Platz – in Restaurants, Hotels und Clubs. Ich lernte viel, arbeitete mich langsam hoch und verdiente mein eigenes Geld.
Mein Grossvater war für mich immer eine besondere Figur. Vielleicht kam der Wunsch, selbst einmal auszuwandern, auch durch seine Geschichten. Irgendwann im 19. Jahrhundert ging er nach Amerika, ganz allein, ohne zu wissen, was ihn dort erwartet. Er arbeitete als Kutscher für wohlhabende Leute und sparte jeden Dollar. Als er in die Schweiz zurückkehrte, kaufte er sich vom Ersparten einen kleinen Hof im Emmental. Einmal stand ich auf einer Brücke in der Nähe von Kansas City. Von dieser hatte er mir bildhaft erzählt. Und als ich dort war, fühlte ich mich ihm ganz nahe.
Ich heiratete in Amerika, bekam eine Tochter, doch irgendwann verlief das Leben nicht mehr in den gewohnten Bahnen. Ich sah keinen anderen Ausweg als nach über einem Jahrzehnt in den USA alles aufzugeben, mich von meinem damaligen Mann zu trennen und in meine Heimat zurückzukehren.
Meine Mutter war eine herzensgute Frau. Als ich heimkam, nahm sie mich in die Arme und sagte: «Ich bin immer für dich da.» Als sie starb, hatte ich das Gefühl, den Boden unter den Füssen zu verlieren – denn wenn etwas nicht gut war, nahm sie mich immer in den Arm und sagte: «Das kommt schon gut.» Dieses Ur-Vertrauen begleitet mich bis heute.
Damals musste es irgendwie weitergehen – vor allem auch für meine Tochter. An einem Sonntag gingen wir auf den Pilatus. Zu Fuss, weil ich kein Geld hatte. Auf dem Gipfel traf ich eine Frau, früher Angestellte bei meiner Mutter, die mir eine Stelle als Näherin gab – mit der Erlaubnis, meine Tochter mitzunehmen. Das war meine Rettung, eine richtige Fügung. Später arbeitete ich bis zur Pensionierung als Verkaufsleiterin bei Jelmoli in Luzern.
Heute lebe ich in Alpnach in einer Wohnung mitten im Dorf. So bleibe ich mobil, solange es meine Gesundheit zulässt. Und ich bin dankbar für Menschen, die mich begleiten. Die reformierte Kirche Sarnen nahm mich nach dem Tod meines zweiten Mannes auf, ohne zu fragen, wer ich sei oder was ich habe. Sie behandelten mich wie ein Mitglied ihrer Familie. Das hat mich über die schwere Zeit getröstet. Zu meinem engsten Kreis gehört auch Rosemary, meine Freundin in Amerika. Wir kennen uns seit Jahrzehnten. Mehrmals pro Woche stricken wir online miteinander. Und während wir stricken, erzählen wir einander vom Tag.
« Auf dem Kronberg war ich sogar die erste 90-Jährige auf der Rodelbahn.»
Auch mit der Pro Senectute erlebe ich schöne Momente. Die Ferienwochen bringen mich an Orte, an denen ich noch nie war. Auf dem Kronberg war ich sogar die erste 90-Jährige auf der Rodelbahn. Der Leiter sagte scherzhaft, ich solle mit gutem Beispiel vorangehen. Ich dachte: Die Schlitten haben eine Dreipunkt-Gurte, da kann nicht viel passieren. Die Fahrt war rasant und lustig – solche Momente geben mir Energie.
Ich fahre fast jeden Tag irgendwohin – in die Stadt, auf einen Pass, in den Wald. Ein Ort, an den es mich immer wieder zieht, ist der Kernwald. Dort fühle ich mich aufgehoben wie in einer kleinen eigenen Welt. Zwischen den hohen Bäumen, dem Moos und der Stille kann ich einfach dasitzen und durchatmen. Bei einem kleinen See ist mein Lieblingsplatz. Mit Blick aufs Stanserhorn. Daneben steht eine grosse geschnitzte Holzfigur. Ein friedlicher Kernwald- Räuber. Der hat immer Zeit zum Zuhören. Ich setze mich zu ihm, erzähle ihm, was mich beschäftigt, oder geniesse einfach die Ruhe.
Die Figur erinnert mich an meinen Grossvater. Der sass früher oben am Familientisch, und wenn die Grossmutter die Suppe serviert hatte, bedankte er sich jedes Mal. Das hat mich als Kind tief beeindruckt – dieses schlichte, selbstverständliche ‘Danke’. Wenn ich heute bei der Holzfigur sitze, kommt dieses Gefühl zu-rück. Der Kernwald ist für mich ein Ort, an dem ich mich entspannen kann – ein kleines Stück Heimat, das nicht nach Herkunft fragt, sondern einfach da ist.
In meinem Leben habe ich vieles erlebt, verloren und immer wieder neu angefangen. Aber ich bin zufrieden und dankbar: Für meine Tochter, für meinen Stiefsohn und seine Frau Katharina, für Freunde, die zu mir schauen. Und für die Natur, die mir immer wieder zeigt, wie schön das Leben ist. Fürs 2026 habe ich einen grossen Wunsch: Ich möchte im Sommer noch einmal auf den Grimsel fahren und dort oben die Natur geniessen.»